Aus alter Zeit

 

Hier finden Sie Beispiele für respektvollen Umgang von Menschen aus bisher unveröffentlichten privaten Briefen:

Mein lieber guter Vetter!
Morgen ist der 26. Mai, einer der wichtigsten Festtage für Dein ganzes liebes Haus und – so zu sagen – auch für Dich, so nimm daher meine herzlichsten Glückwünsche freundlich entgegen und bewahr mir, wie den Meinigen im neuen Lebensjahr, das Dir recht viel Sonnenschein bringen möge, die alte treue Gesinnung! Dein lieber Neujahrsbrief ist mir, wie immer, eine innige Freude gewesen, denn es spiegelt sich in ihm, wie in allen Deinen Briefen die dankbare Herzensfreude an dem glücklichen und von Gott so reich gesegneten Familienleben, das Dir beschieden ist, an der schönen Entwicklung Deiner lieben Kinder aus – und für uns so peu á peu ins alte Register einzuordnen ist das ja das Beste, das wir haben.
Ich habe nun auch schon die 2te Hälfte meines ersten Jahrhunderts begonnen – die allererste Jugendblüte darf ich danach bei mir wohl als abgestreift betrachten – aber damit nicht die Absicht bekommen, mich bereits als antiquiert zu betrachten. Laß Dir nun, mein treuer Vetter, zur Vergeltung Deines lieben Familienberichtes, über unser Ergehen erzählen, ich weiß ja, daß Du und Deine liebe Frau und Dein ganzes Haus an unseren Freuden und Leiden herzlich theilnehmen. Gottlob überwiegen die ersteren so, daß es Versündigung wäre, wollte man die letzteren, von denen ja kein Irdischer verschont bleibt, überhaupt erwähnen. Voran steht natürlich in unseren Erlebnissen die Verlobung Anna´s, die uns ganz überraschend gekommen ist. Mein künftiger Schwiegersohn ist ein tüchtiger Schulmann und eine Persönlichkeit, die Vertrauen erweckt, so daß wir hoffen dürfen, unsere Tochter wohl aufgehoben zu wissen. Die Leutchen wollen schon im Sommer Hochzeit machen – in der zweiten Hälfte des Juli – und bei dieser Mitteilung eile ich einer, sobald der Tag festgesetzt ist, offiziell erscheinenden Bitte voraus – Du errätst sie ! Daß meine Anna den sehr großen Wunsch hat, bei ihrer Hochzeit Deine lieben Töchter zu haben, das ist wohl natürlich – findest Du es begreiflich, wenn wir in unserer Begehrlichkeit so weit gehen, daß wir auch die … Eltern derselben gar zu gern bei diesem Familienfeste um uns sehen möchten? Sprich mal mit Deiner lieben Frau unter vier Augen, ob sich das nicht einrichten läßt. Es ist die Jahreszeit der Sommerreise und Ihr pflegt ja den oder jenen Abstecher zu machen; die Gemeinsamkeit der Familie bei einer solchen Feier ist etwas Herrliches und es würde eine schöne Erinnerung mehr, nicht bloß für uns, sondern auch für das junge Volk, daß die Familie lieb und wert achten soll. Dein Johannes ist mir einen Besuch schuldig aus seiner Studentenzeit – immer habe ich vergeblich nach ihm ausgesehen – jetzt, wo er nun auch schon in Amt und Würden ist, wo er zudem Ferien hat, könnte er nichts mir Lieberes thun, als wenn er für seine Eltern und Schwestern den Reisemarschall hierher spielte – es reist sich gar zu nett mit einem verständigen Sohn, der die Reiseplackerei übernimmt. Also bitte, mein lieber guter Vetter, Familienrath über diesen Fall!

Meine Frau und Tochter sind natürlich mit der Aussteuer, der Einrichtung, den Hochzeitsvorbereitungen vollauf beschäftigt, der Herr Gemahl und Papa kommt etwas ins Hintertreffen gegen den Herrn Schwiegersohn, seine Aufgabe beschränkt sich wesentlich auf das Portemonnaie und er wird sich erst nach dem Hochzeitstrubel seine Stellung langsam so weit zurückerobern, als es überhaupt dann noch möglich ist.

Unsere Nr. 2, Franz, der bis Ostern in Bonn studiert hat, dient augenblicklich seine 8 Wochen als Reserveunteroffizier in Rostock und geht Anfang Juni wieder nach Bonn, da er natürlich zur Hochzeit hier sein muß, so beschränkt sich sein Studiensemester auf etwa 6 Wochen – auch eine schöne Gegend (= Bescherung, Zustand)! Was da in den 6 Sommerwochen am Rhein, wo „das Leben da so lustig angeht“ in Graecis (Graecum = durch Prüfung nachgewiesene Kenntnisse in altgriechischen Sprachen) und Latinis (Latinum = durch Prüfung nachgewiesene Kenntnisse in der lateinischen Sprache) geschafft werden wird, das werden wohl die Götter mit Nacht und Grauen gnädig bedecken: mein guter Vater, der schon bei Lebzeiten über die Militärstrapazen Franzes und seiner Studienversäum-nisse jammerte, würde über die „solliermatschen Preußen mit ihrem vand. (= wandalischen) Exerzieren“ ganz außer sich sein! Ich bin ruhiger, eine Last, die alle gleichmäßig tragen müssen, muß eben hingenommen werden.

Unsere Nr. 3, Mathilde, ist sehr fidel in der Hoffnung, Eure beiden Mädchen kennen zu lernen, sticht mit Vorliebe Spagel und will lieber einstweilen nicht heiraten, weil Brautleute „so gräßlich“ sind.

Das sind die Kinder: meine Frau behauptet, daß sie von Jahr zu Jahr hübscher wird, obgleich sich hier und da schon ein graues Härchen einschleicht – das muß sie ja wissen, ich habe sie auch früher hübsch gefunden. Meine Schwiegermutter hat im Winter recht gekränkelt, aber erholt sich bei dem schönen Wetter im Garten sichtlich. Die eigentlichen Tyrannen des Hauses sind aber ein weißer Kater und ein schauderhafter Mops, ich bereite Euch absichtlich auf diese Menagerie vor, damit Ihr in den Kullus (Kultur = gegenwärtiger Zustand) eingeweiht seid, wenn Ihr kommt. Kommt aber, eine größere Freude könnt Ihr uns nicht machen!

In dieser Hoffnung grüße ich Dich mein treuer Vetter, Deine liebe Frau, und alle die Deinen von Herzen und bestelle die besten Grüße und Wünsche von den Meinen allen!
Dein treuer Vetter
Theodor
Güstrow 25. Mai 1888