Krah und Kroh

Das Ehepaar Metzger mit den Raben

Höflichkeit …
… eine Herzenshaltung

Kroh: Hallo meine liebe, verehrte Krah. Da bin ich wieder. Gib mir noch eine Sekunde zum Krallenwaschen, dann komm ich und helfe dir in der Küche.

Krah: Wenn ich jetzt der Busfahrer von Linie 197 wäre, würde ich antworten: „Verarschen kann ich mich selbst.“ Was ist denn plötzlich in dich gefahren? Hast du irgendwie Mist gebaut und versuchst, mir schon im Vorfeld den Wind aus den Segeln zu nehmen?

Kroh: Aber nein. Du traust deinem Mann wohl nur Schlechtes zu.
Ich dachte nur ….

Krah: (unterbricht ihn) Wenn Männer schon anfangen zu denken. Ich finde es jedenfalls höchst verdächtig, dass du nicht wie üblich herein gepoltert kommst, herummeckerst, dass deine Pantoffeln nicht mehr da liegen, wo du sie beim Weggehen fallen gelassen hast und verdrießlich die Nase rümpfst, weil der Essensgeruch dir nicht deine Lieblingsspeise verheißt.

Kroh: Du hast ja Recht. Dir muss mein Verhalten verdächtig vorkommen. Aber ich habe heute etwas Interessantes erlebt. Ich habe sozusagen an einem Seminar teilgenommen – na ja, natürlich nur als Zaungast. Und da hab ich doch einiges dazu gelernt.

Krah: So, du hast etwas gelernt? Es ist ja schön, wenn Männer in deinem Alter noch etwas dazulernen. Hoffentlich war es nicht nur über die große Weltpolitik oder den Urknall. Nach meiner Beobachtung sind das die Hauptthemen, mit denen sich Männer beschäftigen.

Kroh: Und Autos, und Fußball hast du vergessen. Was ist daran so verkehrt?

Krah: Man kann darüber herrlich debattieren, aber wirklich machen muss man nichts.
Das sind eben alles Dinge, die unser normales Leben, das tägliche Miteinander nicht so sehr berühren. Was nützen alle technischen Revolutionen? Dran wäre noch eine Revolution unseres Umgangs miteinander.

Kroh: Genau darum ging es. Und ich habe gedacht: Da bin ich dabei.

Krah: Wie? Du meinst, nach vierzig Jahren des gemeinsamen Lebens – oder sagen wir besser des Nebeneinander-Hertrottens – wirfst du den Hebel einfach rum und bist plötzlich aufmerksam und zuvorkommend?

Kroh: Du sagst es. Sie nannten es ‚Höflichkeit‘ in dem Seminar. Aber das ist es: Ich bin aufmerksam und zuvorkommend Anderen gegenüber, allen voran dir, meiner lieben Frau, mit der ich täglich zu tun habe.

Krah: Da hast du dir ja ganz schön was vorgenommen. Bis jetzt hast du doch deine Unarten immer mit der Devise entschuldigt „Vollkommen ist schließlich keiner.“ Oder noch besser: „Ich bin nun mal so, ich kann mich doch nicht verbiegen.“

Kroh: Ich muss ja auch nicht wie ein Aal, aalglatt mich überall durchschlängeln, anpassen, damit ich nicht anecke. Es geht da nicht in erster Linie um äußere Formen – obwohl die manchmal hilfreich sein können. Das sagten sie jedenfalls in dem Seminar.

Krah: Die Menschen haben gut reden. Gutes Benehmen – Höflichkeitsregeln – dass ich nicht lache! Und wie sieht es hinter der Fassade aus? Nicht umsonst haben sie in ihrer Sprache das Wort ‚Höflichkeit‘ mit dem Wort ‚Lüge‘ verbunden.

Kroh: Höflichkeitslüge. Einer ihrer Philosophen meinte doch tatsächlich, Höflichkeit sei wie ein Luftkissen: Nichts drin, aber es mildert die Stöße des Lebens. (Schopenhauer)

Krah: Da ist mir unsere Raben-Hackordnung lieber. Da weiß jeder, wo er dran ist.

Kroh: Und wann er dran ist. Da kommt keiner auf die Idee, einem anderen den Vortritt zu lassen: Bitte schön, nach Ihnen. - - - Aber irgendwie hat mir das an dem Seminar imponiert. Da ging es eben nicht nur um Floskeln. Es ging tiefer, es ging um eine innere Haltung, die man gegenüber einer anderen Person einnimmt.

Krah: Du meinst, wenn du mich deine ‚liebe und verehrte Krah‘ nennst, dann sagst du das nicht nur, um einen Ehekrach zu umgehen? Du meinst es wirklich, in deinem tiefsten Herzen? Und das, obwohl der Lack ab ist nach all den Jahren?
Mit deinem Herzen siehst du mich, als sei der Lack noch dran?

Kroh: Genau das ist es: Wenn ich einen anderen mit dem Herzen sehe, dann behandle ich ihn respektvoll. Ich achte seine Würde. Das ist Höflichkeit.

Krah: Wow. Dann war das mit dem Seminar doch nicht so dumm.

Kroh: Es war überhaupt nicht dumm. Und eins weiß ich: Ich werde nicht erst vierzig Jahre warten, bis ich dich wieder mal aufmerksam und zuvorkommend behandle. Das soll von jetzt an eine tägliche Gewohnheit werden. Naja,ich gebe zu: Holzhacken ist nichts dagegen.

Krah: Übung macht den Meister. - - - - Ach, übrigens: Hast du etwas dagegen, wenn ich da auch mitmache?

12.10.2010/Ursula Metzger

 

Höflichkeit …
… zugelassen für alle Altersstufen

Kroh: Bin ich froh, dass ich kein Mensch bin.

Krah: Das hattest du ja schon öfter festgestellt. Um was ging es denn diesmal?

Kroh: Früher war alles anders. Ich kann mich noch gut erinnern, wie die jungen Leute die Erwachsenen höflich grüßten. Und wenn sie abends ausgingen, haben sie sich ordentlich angezogen. Und das alles, obwohl immer betont wurde, man lebe in einem Arbeiter - und Bauernstaat.

Krah: Da siehst du mal, dass gutes Benehmen nicht nur ein Privileg der Oberschicht ist. Es scheint da ganz andere Faktoren zu geben, die ein höfliches Miteinander beeinflussen.

Kroh: Ja, aber welche? Eins scheint doch klar: Seit dem die Mauer weg ist, ist auf diesem Gebiet alles rapide den Bach runter gegangen. Stell dir vor, da habe ich doch einen Mann gesehen, der eine schwarze Augenklappe trug. Er hatte offensichtlich Sehschwierigkeiten und schien auch sonst nicht gut drauf zu sein. Aber meinst du, der Junge, der ihm auf der Straße entgegenkam, hätte ihm seine Hilfe angeboten? Er rannte zu seinem Freund und rief:
„Komm mal schnell her. Ich habe einen echten Piraten gesehen!“

Krah: Nein wirklich! Man fragt sich, ob das früher alles nur Dressur war.
Ich habe neulich im Supermarkt eine Mutter mit einem Kind beobachtet. Die Verkäuferin war so nett, dem Kind ein Fruchtbonbon zu schenken. Aber das Kind verzog nur seine Mine – es mochte wohl keine Fruchtbonbons. Der Mutter war es peinlich und sie fragte fordernd: „Wie sagt man, wenn man etwas geschenkt bekommt?“

Kroh: Ja, da haben wir das Problem: Was sagt man, wenn man etwas geschenkt bekommt, was man absolut nicht mag?

Krah: Männer sind in dieser Beziehung wohl ziemlich fantasielos. Sie sollten mal bei Sky du Mont in die Lehre gehen. (träumerisch) Ach – der ist immer so galant.

Kroh: Willst du wirklich solch einen geschmeidigen Laffen als Mann?

Krah: Na ja, eigentlich nicht wirklich. Mir wäre ein höflicher Felsen lieber. Man weiß, wo man dran ist. Aber die Wahrheit wird einem nicht wie ein nasser Waschlappen um die Ohren gehauen, sondern wie ein wärmender Schal um die Schultern gelegt.

Kroh: Da hab ich vielleicht doch noch Chancen bei dir. Wenn ich jeden Tag ein bisschen übe – ich meine, viele kleine Schritte könnten die Welt verändern.

Krah: Nicht nur die Welt, auch unsere kleine Welt. --
Ich meine, man kann den größten Kitsch ertragen, wenn man die Absicht achtet, die dahinter steckt – nämlich jemandem eine kleine Freude zu machen.

Kroh: Mit dem Freudemachen ist das so eine Sache. Wie sagen die heutzutage? Es ist einfach nicht cool.

Krah: Es scheint aber sehr cool zu sein, die Sau rauszulassen. - - -
Du weißt gar nicht, wie ungern ich nachmittags um zwei meinen kleinen Spazierflug mache.

Kroh: Das ist mir auch schon aufgefallen. Dabei hätte ich dich so gern eingeladen, die Abfallkörbe vor der Bäckerei zu inspizieren. Was ist der Grund deiner Abneigung?

Krah: Hast du nicht gesehen, dass da immer Horden von Schülern unterwegs sind? Sie blockieren die Gehsteige und die Bushaltestellen.

Kroh: Aber irgendwie müssen sie doch von der Schule nach Hause kommen.

Krah: Du hast recht, sie müssen von der Schule nach Hause kommen. Aber es geht um das ‚Wie‘. Sie rülpsen laut und pupsen, besonders wenn Erwachsene vorbeigehen. Es scheint um einen Wettstreit zu gehen, wer die größte Sau raus- lassen kann. Das ist supercool. Und wenn sich zufällig ein älterer Mensch um diese Zeit in die Straßenbahn verirrt, kann er froh sein, wenn er noch einen Sitzplatz abbekommt.

Kroh: Tja, man fragt sich, was die in der Schule lernen. Bei Pisa wird wohl nur Mathe und Deutsch abgefragt. Aber schließlich gibt es noch andere Dinge, die die Lebensqualität heben.

Krah: Ein höflicher Umgang miteinander zum Beispiel. Aber wo sollen sie es denn lernen? Zu Hause etwa? Viele Erwachsene haben ein gestörtes Verhältnis zu ihren Ausscheidungsorganen, was sich dann entsprechend in der Sprache niederschlägt.

Kroh: Du meinst Sch sch ….

Krah: Still …still….nicht hier. Hier sind wir in einem vornehmen Einkaufscenter.
Aber das ist ja noch nicht alles. Wenn man die Gespräche der Menschen in ihren Wohnungen belauscht, könnte man meinen, sie hätten dort einen ganzen Zoo.

Kroh: Wie soll ich denn das verstehen?

Krah: Neulich hörte ich, wie sich eine ältere Frau bei einer Mutter beschwerte: „Ihr Sohn hat mich alte Kuh genannt – wie finden Sie das?“
Die Mutter war ganz empört.

Kroh: Das war doch verständlich, oder etwa nicht?

Krah: Weißt du, was sie geantwortet hat?
Unerhört, ich hab dem Jungen schon so oft gesagt, er soll andere Leute nicht nach dem Aussehen beurteilen …“

Kroh: Also doch ‚Zoo‘. Was soll ich dazu sagen?

Krah: An unhöflichen und bösen Worten, die man ungesagt hinunterschluckt, hat sich noch niemand den Magen verdorben.

Kroh: Ich fürchte, da helfen auch keine neuen Benimm-Bücher. Wie hat es neulich jemand so schön gesagt?
„Wir brauchen nicht mehr Vorschriften, sondern mehr Vorbilder“(Peter Hahne).

12.10.2010/Ursula Metzger